(* 14.5.1892, St. Petersburg)
(† 13.10.1966, Princeton)
Arthur Lourié, der Sohn eines sephardischen Holzhändlers, verbrachte seine Jugendzeit in der Handelsstadt Odessa und trat 1909 in die berühmte Klavierklasse des St. Petersburger Konservatoriums ein, wo er bei der Busoni- und Hoffmann-Schülerin Maria Barinova Unterricht bekam. Lourié reifte zu einem wunderbaren Pianisten heran, dessen Spiel alle verzückte. In der Kompositionsklasse Alexander Glasunovs wetteiferte er mit einem anderen hochbegabten Studenten namens Sergej Prokovjev um die Lorbeeren.
Lourié kehrte dem Konservatorium vorzeitig den Rücken und fand, zwanzigjährig, Anschluss an die Kreise der Futuristen und Avantgardemaler, befreundete sich mit den Dichtern Alexander Blok und Anna Achmatova. Er experimentierte mit ultrachromatischen und dodekaphonischen Ideen und gehörte schon bald zu den hoffnungsvollsten und innovationsfreudigsten Komponisten in Russland.
Viele Künstler wie Chagall, Kandinsky etc. beteiligten sich nach der Oktoberrevolution aktiv am Neuaufbau des jungen Staates, zumal man ihnen anfänglich ganz einzigartige Freiräume gewährte. Arthur Lourié wurde 1918 zu einem «Volkskommissar für Musik» ernannt. Zu seinem Aufgabenbereich gehörte z.B. die Neuorganisation der Symphonie-Orchester und des Verlagswesens, und er konfiszierte in den Adelspalästen jene Sammlung prächtiger italienischer Streichinstrumente (Stradivari, Amati etc.), die der sowjetische Staat später seinen besten Künstlern zur Verfügung stellte.
Als im Jahre 1921 die Bolschewiken begannen, die Kunst für ihre Dienste einzuverleiben und die Künstler zu bevormunden, ja zu beseitigen, nutzte Lourié eine Auslandsreise, um 1922 ins Exil zu gehen. Seitdem wurde er in der Sowjetunion als einer der ranghöchsten Emigranten besonders gnadenlos totgeschwiegen.
Über Berlin traf er 1924 in Paris ein, das er 1940, vor den Nazi flüchtend, in Richtung New York verliess.
Arthur Lourié durchlebte drei Welten in drei wechselvollen Zeitepochen: das Russland der ersten Revolutionsjahre, das westliche Europa zwischen den zwei Weltkriegen und die Vereinigten Staaten des Kalten Krieges.
In zahlreichen Essays und musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen (zusammengefasst in «Sanctification et Profanation du Temps», Paris 1966) erweist er sich als scharfsinniger und tiefgehender Beobachter seiner Zeit, und in den zärtlichen Porträts seiner St. Petersburger Weggenossen und Künstlerfreunde offenbart er beachtliches schriftstellerisches Talent.
Als Vordenker der Zwölftonmusik, der graphischen Musiknotation und später sogar der «Minimalmusic» zählt Arthur Lourié zu den Pionieren der Moderne. Während seine frühesten Kompositionen noch den Einfluss Debussys und Skrjabins erkennen lassen, vollzieht er im Paris der Zwanziger Jahre während der Freundschaft zu Strawinsky eine spirituelle und stilistische Wandlung, die ihn zu der Reduktion seiner experimentierfreudigen Partituren von extremer Komplexitäten hin zu Verständlichkeit und bemerkenswerter Klarheit führt.
Lourié verehrt und beschwört nun die Melodie als einen wesentlichen Baustein in der Musik. Er vertraut auf Sphären und Emotionen, und seiner reinen, befreiten Kunst gelingt so eine faszinierende Synthese von Moderne und Traditionellem, die am Kontinuum der abendländischen Musikgeschichte fortschreibt. Bei Lourié erscheint die Musik als eine zeitschaffende und zeitlose Kunst.
Im Werkkatalog sticht die Vielfalt vitaler Formen und Farben ins Auge: da steht Experimentelles neben Archaischem, Futuristisches neben Folkloristischem; bemerkenswert ist, dass rund die Hälfte des ca. 120 Werke umfassenden Œuvres für die Stimme geschrieben sind.
Noch sind seine Manuskripte kaum veröffentlicht und somit für Interpreten nur schwer zugänglich. Doch die Wiederentdeckung dieses faszinierenden Komponisten verspricht für die nächste Zeit einige aufsehenerregende Momente. Lourié’s «Opus Magnum», die grosse Oper «Der Mohr Peter des Grossen» nach Puschkin, an der er in den Vereinigten Staaten über 12 Jahre lang arbeitete und die einige Experten für die beste russische Oper des 20. Jahrhunderts halten, wartet beinahe 50 Jahre nach ihrer Vollendung auf eine erste Aufführung.
(† 13.10.1966, Princeton)
Arthur Lourié, der Sohn eines sephardischen Holzhändlers, verbrachte seine Jugendzeit in der Handelsstadt Odessa und trat 1909 in die berühmte Klavierklasse des St. Petersburger Konservatoriums ein, wo er bei der Busoni- und Hoffmann-Schülerin Maria Barinova Unterricht bekam. Lourié reifte zu einem wunderbaren Pianisten heran, dessen Spiel alle verzückte. In der Kompositionsklasse Alexander Glasunovs wetteiferte er mit einem anderen hochbegabten Studenten namens Sergej Prokovjev um die Lorbeeren.
Lourié kehrte dem Konservatorium vorzeitig den Rücken und fand, zwanzigjährig, Anschluss an die Kreise der Futuristen und Avantgardemaler, befreundete sich mit den Dichtern Alexander Blok und Anna Achmatova. Er experimentierte mit ultrachromatischen und dodekaphonischen Ideen und gehörte schon bald zu den hoffnungsvollsten und innovationsfreudigsten Komponisten in Russland.
Viele Künstler wie Chagall, Kandinsky etc. beteiligten sich nach der Oktoberrevolution aktiv am Neuaufbau des jungen Staates, zumal man ihnen anfänglich ganz einzigartige Freiräume gewährte. Arthur Lourié wurde 1918 zu einem «Volkskommissar für Musik» ernannt. Zu seinem Aufgabenbereich gehörte z.B. die Neuorganisation der Symphonie-Orchester und des Verlagswesens, und er konfiszierte in den Adelspalästen jene Sammlung prächtiger italienischer Streichinstrumente (Stradivari, Amati etc.), die der sowjetische Staat später seinen besten Künstlern zur Verfügung stellte.
Als im Jahre 1921 die Bolschewiken begannen, die Kunst für ihre Dienste einzuverleiben und die Künstler zu bevormunden, ja zu beseitigen, nutzte Lourié eine Auslandsreise, um 1922 ins Exil zu gehen. Seitdem wurde er in der Sowjetunion als einer der ranghöchsten Emigranten besonders gnadenlos totgeschwiegen.
Über Berlin traf er 1924 in Paris ein, das er 1940, vor den Nazi flüchtend, in Richtung New York verliess.
Arthur Lourié durchlebte drei Welten in drei wechselvollen Zeitepochen: das Russland der ersten Revolutionsjahre, das westliche Europa zwischen den zwei Weltkriegen und die Vereinigten Staaten des Kalten Krieges.
In zahlreichen Essays und musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen (zusammengefasst in «Sanctification et Profanation du Temps», Paris 1966) erweist er sich als scharfsinniger und tiefgehender Beobachter seiner Zeit, und in den zärtlichen Porträts seiner St. Petersburger Weggenossen und Künstlerfreunde offenbart er beachtliches schriftstellerisches Talent.
Als Vordenker der Zwölftonmusik, der graphischen Musiknotation und später sogar der «Minimalmusic» zählt Arthur Lourié zu den Pionieren der Moderne. Während seine frühesten Kompositionen noch den Einfluss Debussys und Skrjabins erkennen lassen, vollzieht er im Paris der Zwanziger Jahre während der Freundschaft zu Strawinsky eine spirituelle und stilistische Wandlung, die ihn zu der Reduktion seiner experimentierfreudigen Partituren von extremer Komplexitäten hin zu Verständlichkeit und bemerkenswerter Klarheit führt.
Lourié verehrt und beschwört nun die Melodie als einen wesentlichen Baustein in der Musik. Er vertraut auf Sphären und Emotionen, und seiner reinen, befreiten Kunst gelingt so eine faszinierende Synthese von Moderne und Traditionellem, die am Kontinuum der abendländischen Musikgeschichte fortschreibt. Bei Lourié erscheint die Musik als eine zeitschaffende und zeitlose Kunst.
Im Werkkatalog sticht die Vielfalt vitaler Formen und Farben ins Auge: da steht Experimentelles neben Archaischem, Futuristisches neben Folkloristischem; bemerkenswert ist, dass rund die Hälfte des ca. 120 Werke umfassenden Œuvres für die Stimme geschrieben sind.
Noch sind seine Manuskripte kaum veröffentlicht und somit für Interpreten nur schwer zugänglich. Doch die Wiederentdeckung dieses faszinierenden Komponisten verspricht für die nächste Zeit einige aufsehenerregende Momente. Lourié’s «Opus Magnum», die grosse Oper «Der Mohr Peter des Grossen» nach Puschkin, an der er in den Vereinigten Staaten über 12 Jahre lang arbeitete und die einige Experten für die beste russische Oper des 20. Jahrhunderts halten, wartet beinahe 50 Jahre nach ihrer Vollendung auf eine erste Aufführung.
Werkverzeichnis
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Hörbeispiel "Gigue"
Anfang der "Gigue" (1927), Jean-Jacques Schmid, piano
Anfang der "Gigue" (1927), Jean-Jacques Schmid, piano









